Finnland liefert gerade ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie weit politische Rhetorik und staatliche Interessen auseinanderliegen können. Während Israel in der finnischen Politik und Öffentlichkeit zunehmend scharf kritisiert wird, hat Helsinki seine sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Israel bis 2034 verlängert. Das Abkommen umfasst Forschung, Entwicklung und die Beschaffung militärischer Systeme. Außerdem wurde ein permanenter Koordinierungsmechanismus zwischen beiden Ländern eingerichtet.

Bekannt wurde die Verlängerung nicht durch eine große Pressekonferenz der finnischen Regierung, sondern durch finnische Medien. Parallel dazu kauft Finnland das israelische Luftverteidigungssystem David’s Sling für rund €317 Millionen. Das von Rafael gemeinsam mit den USA entwickelte System soll Finnland gegen Raketen und andere Luftbedrohungen schützen. Nach Angaben finnischer Medien bestehen derzeit sogar rund 23 gemeinsame Projekte zwischen finnischen Stellen bzw. Unternehmen und der israelischen Rüstungsindustrie.

Man könnte es zugespitzt formulieren: Finnland sagt öffentlich, wie problematisch Israel sei – und sorgt gleichzeitig dafür, dass israelische Technologie die eigene Bevölkerung schützen kann.

Doch Finnland ist kein Einzelfall.

Europa kritisiert Israel – und arbeitet mit Israel

Deutschland hat mit Arrow 3 ebenfalls eines der modernsten israelischen Luftverteidigungssysteme beschafft. Das erste operative System wurde Ende 2025 an die Bundeswehr übergeben. Gleichzeitig bestehen weitere deutsch-israelische Kooperationen etwa bei unbemannten Systemen und Unterwassertechnologie.

Auch Griechenland unterhält umfangreiche Rüstungskooperationen mit Israel. Die griechische Regierung verweist selbst auf bereits bestehende Verteidigungsvereinbarungen mit Israel und anderen Partnern.

Und es geht längst nicht nur um Waffen.

Israel ist ein bedeutender europäischer Partner bei Forschung, Medizintechnik, Digitalisierung, Cybersecurity und Hightech. Israel ist weiterhin mit Horizon Europe assoziiert. Zwischen 2021 und 2024 erhielten israelische Universitäten, Forschungsinstitute und Unternehmen mehr als eine Milliarde Euro aus Horizon Europe; Israel selbst steuerte rund €1,7 Milliarden bei. Europäische und israelische Forschungseinrichtungen arbeiten dabei in internationalen Konsortien zusammen.

Das bedeutet: Selbst in einer Zeit, in der europäische Regierungen über Sanktionen, Einschränkungen und politischen Druck gegenüber Israel diskutieren, bleibt die praktische Zusammenarbeit in zahlreichen Bereichen bestehen – und teilweise wird sie sogar ausgebaut.

Warum?

Weil Staaten Interessen haben. Weil Raketen nicht danach fragen, welche Regierung gerade in Jerusalem regiert. Weil eine gute medizinische Technologie nicht dadurch schlechter wird, dass sie aus Israel kommt. Weil Cybersecurity keine politische Gesinnung besitzt. Und weil Israel in bestimmten Bereichen schlicht Technologien entwickelt hat, die andere Staaten benötigen.

Und damit kommen wir zur eigentlichen Frage: Ist Israel vielleicht weniger ein außenpolitisches als ein innenpolitisches Problem?

Regierungen befinden sich.zunehmend in einem Spannungsfeld..Auf der einen Seite stehen strategische und wirtschaftliche Interessen. Auf der anderen Seite steht eine Öffentlichkeit, in der die Israel-Debatte zunehmend emotionalisiert und ideologisiert wird.

Wer sich politisch gegen Israel positioniert, kann damit relativ leicht Zustimmung mobilisieren. Wer dagegen erklärt, warum Deutschland israelische Raketenabwehr braucht, warum europäische Universitäten mit israelischen Wissenschaftlern forschen oder warum israelische Medizintechnik interessant ist, muss mit Hass und Anfeindungen rechnen.

Und so entsteht eine merkwürdige politische Situation: Auf der Straße wird Israel zum moralischen Problem erklärt. In den Ministerien wird israelische Technologie eingekauft. An den Universitäten wird zum Boykott Israelsbaufgerufen, während in der Forschung israelische Wissenschaftler als Partner gebraucht werden. In der Sicherheitspolitik wird israelisches Know-how als wertvoll angesehen.

Das ist nicht zwangsläufig ein Widerspruch. Außenpolitik darf Interessenpolitik sein. Staaten können die Politik einer Regierung kritisieren und gleichzeitig mit deren Staat zusammenarbeiten. Der Widerspruch entsteht dort, wo man der Öffentlichkeit suggeriert, Israel sei grundsätzlich ein toxischer Partner, während man gleichzeitig genau diese Partnerschaft für die eigene Sicherheit, Forschung und technologische Entwicklung benötigt.

Auf zwei Hochzeiten tanzen funktionieren nicht auf Dauer

Europäische Regierungen sollten deshalb aufhören, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu wollen. Es ist legitim, die israelische Regierung zu kritisieren. Aber gleichzeitig die Zusammenarbeit mit Israel militärisch, wissenschaftlich und technologisch auszubauen und öffentlich der immer radikaleren anti-israelischen Rhetorik hinterherzulaufen, ist keine langfristig überzeugende Politik.

Denn Politik sollte nicht versuchen, jede Stimmung auf der Straße möglichst schnell zu bedienen.

Politik sollte erklären.

Wenn israelische Technologie gut genug ist, um deutsche oder finnische Bürger zu schützen, sollte man das auch sagen.

Wenn israelische Wissenschaftler wichtige Beiträge zu Medizin, Technologie oder Forschung leisten, sollte man das ebenfalls sagen.

Und wenn die Zusammenarbeit mit Israel den europäischen Interessen dient, sollte man sie nicht aus Angst vor politischen Reaktionen verstecken.

Aufklärung statt ideologischer Kapitulation

Gerade in einer aufgeheizten Debatte wäre es Aufgabe demokratischer Politik, der Bevölkerung die Realität zu erklären – auch dann, wenn sie komplizierter ist als ein Hashtag.

Nicht jede Kritik an Israel ist Antisemitismus. Aber auch nicht jede Kritik muss automatisch übernommen werden, nur weil sie auf der Straße lautstark vorgetragen wird.

Eine Regierung, die Israel öffentlich zum Problem erklärt und gleichzeitig israelische Technologie für die eigene Sicherheit einkauft, sollte sich fragen, warum sie ihren Bürgern nicht erklärt, was sie hinter den Kulissen längst selbst weiß: dass Israel weder eindimensional noch austauschbar ist.

Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb tatsächlich nicht:

„Ist Israel ein Problem?“

Sondern:

„Warum machen wir Israel zunehmend zu einem innenpolitischen Problem, obwohl wir außenpolitisch, wissenschaftlich und technologisch weiterhin auf Israel angewiesen sind?“

Die Antwort sollte nicht mehr öffentliche Empörung sein.

Sie sollte Aufklärung sein.

Weniger ideologische Kapitulation.

Mehr Realitätssinn.

Medienquelle:

https://en.globes.co.il/en/article-israel-and-finland-extend-defense-cooperation-pact-1001553800